Vittorio Toblerone

Kiosk Braunauer Eisenbahnbrücke, München
Kiosk Braunauer Eisenbahnbrücke, München. Links (leider nicht mehr auf dem Bild): Vittorio Toblerone (Foto: Herbie)

Ortstermin Kiosk Braunauer Eisenbahnbrücke, direkt an der Isar:
Wir treffen Vittorio Toblerone, seines Zeichens der wohl berühmteste Filmkomponist der Gegenwartsgeschichte. Legende. Idol. Genie.

Toblerone, in den späten 80ern bekannt geworden durch seine kongenialen Vertonungen von Arthaus Meisterwerken wie „Die Autobahn der Lust“ oder „Schneewittchen hat versagt“, aber auch die von der Kritik übereinstimmend verrissene „Eichhörnchen-Saga“ ist Teil seines umfassenden Werks.

Er erscheint pünktlich. Schüchtern, fast scheu streckt er uns seine Hand entgegen. „Keine Fotos,“ sagt er gleich zur Begrüßung, „Bitte, respektieren Sie meinen Wunsch.“ Wir wissen um diesen kostbaren Moment. Es wird eines dieser raren Interviews des Größten der Großen werden. Auch ich bin ein wenig aufgeregt. Er wirkt noch immer sehr jung mit seinem vollen lockigen Haar, seiner Schlägermütze und der dicken Hornbrille. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein.
 
„Wussten Sie eigentlich,“ beginnt er, „dass das Titelthema für B-Hörnchen eigentlich als eigenständige Symphonie von mir gedacht war?“ Er lächelt. „Ich wurde damals nie richtig verstanden. B-Hörnchens Tragik, die tiefe Verletztheit seiner Seele, die Abgründe, all das macht ihn doch zu einem Helden. Es war ein großer Film.“ Er stockt. „Aber das ist längst vorbei. Wissen Sie, ich bin nicht nachtragend. Und dem Publikum, ja dem hats immer sehr gut gefallen.“ Er setzt sich. Ich hole uns zwei Brezn.

Vittorio Toblerone spielt die B-Hörnchen-Serenade, Weihnachtsfest der Volksmusik, 25.12.1996, Hof
Vittorio Toblerone spielt die B-Hörnchen-Serenade, Weihnachtsfest der Volksmusik, 25.12.1996, Hof (Foto: Archiv ARD)

Und nun also das Comeback. „Der Tod vergisst nie“ – Originaltitel:“The Unforgettables“. Toblerone, der jahrelang das Westerngenre gemieden hat wie der Teufel das Weihwasser, hat diesen kraftvollen, einzigartigen umwerfenden Soundtrack geschrieben. Er hat geliefert. Wie kam es dazu?

„Nun“, er tunkt die halbe Brezn in die Tupperschüssel mit Hausmachersenf, die er mitgebracht hat, „Es war ein Zufall. Ich saß in der Küche und schmierte mir ein Käsebrot. Da fiel mein Blick auf die oberste Schublade meines Küchenschranks. Ich hatte schon länger nicht mehr hinein geschaut – ich bin normalerweise nicht so neugierig, wissen Sie? Ja, aber, an dem Tag öffnete ich sie. Und was fand ich? Meine alte grüne Wasserpistole, die ich längst vergessen hatte. Im Radio lief: „Ich will nen Cowboy als Mann“. Und dann klingelte das Telefon. Es war Kimberley King (Anm. der Redaktion: Hauptdarstellerin von „Der Tod vergisst nie“). Sie erzählte mir von den Dreharbeiten. Ja, und da habe ich sofort zugesagt, die Filmmusik zu schreiben. Ehrlich gesagt, das konnte doch kein Zufall sein, oder?“, sagt er verschmitzt.

„Mit der Angi (Angelika Winklhuber, Kimberley Kings bürgerlicher Name, Anm. der Redaktion) verbindet mich schon seit vielen Jahren eine tiefe und berührende Freundschaft. Sie spielt im Film ja die Angel, wissen Sie. Da geht einem doch das Herz auf, wenn man die Angi, also die Angel spielen sieht. Und der Ethan (Ethan Drifter, Hauptdarsteller von „Der Tod vergisst nie“, Anm. der Redaktion) hat so eine Kraft, ist so voller Energie. Da ist mir dann das Komponieren wirklich nicht schwer gefallen.“

Toblerone hält kurz inne, isst ein Stück Brezn und erzählt weiter. „Das Hauptthema habe ich in nur einer halben Stunde gehabt,“ sein Stolz über diese außerordentliche musikalische Leistung merkt man ihm förmlich an. „Mir fällt das sehr leicht, wissen Sie. Wenn man mich machen lässt, dann bekommen Sie auch einen echten Toblerone.“ Er lächelt.

„The Unforgettables“– ein Westernstück, das seinesgleichen sucht. In der Tat. Könnte er sich vorstellen, dieses grandiose Werk auch, sagen wir mal, als Titelsong zu einer Westernserie zur Verfügung zu stellen? Für die Öffentlich-Rechtlichen, oder auch den Privaten. Oder gar für eine Netflixserie?

„Nettfix, was ist das? Noch nie gehört. Aber bitte, wenn sie auf mich zu kommen. Ich würde nicht nein sagen. Ich bin ja nicht nachtragend. Sehen Sie, die Zuschauerinnen und Zuschauer, oder besser noch die Hörerinnen und Hörer sollen doch niveauvolle Unterhaltung bekommen. Und da gehört die Musik dazu. Ich bin ja auch der Werbebranche nicht abgeneigt. Angel’s Theme für eine schöne Kosmetikserie zum Beispiel. Da kann man die Angi gleich dazu mitbuchen,“ er zwinkert, „die zeigt sich ja immer recht gerne.“

Zwei Tische weiter hört man ein Lachen. Zwei junge Männer in Radlerhosen unterhalten sich angeregt und schauen kurz in unsere Richtung. Toblerone wirkt auf einmal nervös. „Ich glaube, wir sollten das Gespräch nun beenden.“ Warum so plötzlich, frage ich. „Wissen Sie, man weiß heutzutage doch nie. Da sagt man etwas und schon ist man in diesem Internet. Und niemand will es gewesen sein. Aber jeder sieht es. Nein, das möchte ich nicht. Ich brauche mein Privatleben.“

Er steht auf, nimmt die leere Tupperschüssel und geht. Ich schaue ihm hinterher. Er dreht sich nicht um. Das wars. Vielleicht das letzte Interview mit einer lebenden Legende.

Anmerkung zum Schluss:
Vittorio Toblerone gab mir die Erlaubnis, sein Meisterwerk hier auf meiner Website präsentieren zu dürfen. Es ist mir eine Ehre. Hier ist sein wunderbarer Soundtrack:

The Unforgettables – Der Tod vergisst nie