Guntulke – Ein Leben auf der Überholspur

Vorwort

Dies ist die Geschichte des Geschwisterpaares Guntulke und Walkfred.
Guntulke, die Erstgeborene; die große, stämmige Guntulke – und Walkfred, ihr kleiner zarter Bruder mit den langen blonden Locken und dem rosa Matrosenanzug.

Wie ihre Geschichte anfängt, wie sie weitergeht, wie sie endet, all das wird man sehen. Lasst sie uns gemeinsam erzählen…

Guntulkes Geburt

Noch heute zerreißt sich ja ganz Neustrunzland Süd darüber die Mäuler. Sicher, es war nicht leicht, man kann durchaus sagen, es war eine schwere Geburt. Es heißt, Guntulke wollte und wollte einfach nicht raus. Aber seien wir ehrlich, so einen kalten August hatte Neustrunzland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen ja auch noch nie gehabt. Und wer will da schon raus? Böse Zungen behaupten ja auch, dass Guntulke sich am Mutterkuchen festgehalten haben soll. Nun, das würde zumindestens ihren bis heute so guten Appetit und ihre Angst vorm Verhungern erklären.

Wie dem auch sein, jedenfalls soll Guntulke letzendlich dann doch kräftig mitgeholfen haben, sich aus dem Bauch der armen Gunborga zu stoßen. Und als Gunborga das große schwarze Wollknäuel dann endlich in den Arm gelegt bekam, ja, dann war alles gut. So dachte man wenigstens die nächsten zehn Sekunden, denn nun fiel Guntulke ein, dass sie eigentlich schon wieder Hunger hatte und schrie so laut, dass sie der armen Gunborga sogleich aus dem Arm und direkt auf den kalten Krankenhausboden fiel. Unglücklicherweise war ja gerade frisch gewischt worden, und so schlitterte die kleine Guntulke, da die Tür offen stand, zwanzig Meter (ja, liebe Leserinnen und Leser, so erzählt man sich) weiter bis zum Ende des Flures.

Erst der wie immer zu spät gekommene Walkbert, der glückliche Vater, fing sie gekonnt mit der Rückhand auf und nahm den Applaus des gesamten Krankenhauspersonals lässig entgegen. „Walkbert, mein Held“, schluchzte die noch sichtlich aufgelöste Gunborga, und Walkbert warf vor Freude über soviel Zuwendung die kleine Guntulke so hoch in die Luft, dass diese fast an die Decke anstieß. Böse Zungen behaupten, dass Guntulke wirklich an die Decke stieß und seitdem „einen Schlach wech hat.“

Aber das ist nie endgülitg geklärt worden.

Guntulke entdeckt die Welt

Ja, ja, die kleine Guntulke. „Was für ein süßes Baby“, sagte Walkbert und strich seiner Gunborga liebevoll über ihr trockenes, sprödes Haar. „Ja“, sagte daraufhin Gunborga, „und sie ist schon so weit für ihr Alter.“ Denn die erst knapp ein Jahr alte Guntulke konnte ihrer Mutter mit unmissverständlichen Gesten bereits klar machen, wenn sie gewickelt werden musste. Dann schaukelte sie ihr rundes Köpfchen ganz stark hin und her, hielt sich dabei demonstrativ die Nase zu und schrie, „Mami. Maaaami! Aa. Aa. Weg!!“ Ja, das war unsere kleine Guntulke. Schnelle Auffassungsgabe, präzise Anweisungen, wohlformulierte Worte. Ein sicherer Instinkt für große Geschäfte. „Den hat sie von mir“, bemerkte Walkbert dann nicht ohne Stolz. „Ach, du, du alter Schlawiner, du“, Gunborga lächelte versonnen. „Wenn du doch nur wüsstest, mein Schatz, wie recht du damit hast“, dachte Walkbert und nickte geheimnisvoll.


Ja, der alte Schlawiner. Aber dazu kommen wir später…